Des Neujahrsbaum

Hümeyra und Gönül waren Geschwister. Hümeyra war acht Jahre alt, zwei Jahre älter als ihre Schwester. Wenn Mutter den Haushalt machte, musste sie auf Gönül aufpassen.

Im Garten gab es einen großen Aprikosenbaum. Er war so groß, dass es unter ihm immer trocken war, egal wie stark es regnete. Ein paar Schritte weiter wohnten ihre Nachbarn, Tante Fatma und ihr Sohn Aziz, der schon studierte. Manchmal, wenn er Zeit hatte, baute er den Mädchen ein Haus aus Erde unter dem Aprikosenbaum. Gönül und Hümeyra sammelten kleine Äste, aus denen Aziz dann Balkone, Treppen oder ein Doppelbett bastelte.

Hümeyra seufzte. Es war kalt geworden und sie konnten nicht mehr unter dem Baum spielen. Seit langem schon hatte sie sich etwas in den Kopf gesetzt. Jedes Jahr hatte sie sich von ihrem Vater einen Neujahrsbaum gewünscht, der aber leider aus irgendeinem Grund sich nie erfüllte. Heute hatte sie sich entschlossen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Eine Woche vor Neujahr suchte sie sich einen kleinen Tannenbaum aus, den Aziz dann für sie nach Hause brachte. Der Baum wurde zuerst in eine mit Wasser gefüllte kleine Plastiktonne gesteckt und dann ins Zimmer getragen. Hümeyra lief in die Küche und holte zwei Mandarinen und ein paar Walnüsse. Aus farbigem Papier bastelte sie dann Formen, die wie ein Herz aussahen und schmückte den Baum mit farbigen Glasperlen, die sie aus ihrem Armband herausgenommen hatte. Es gab auch noch einige bunte Kerzen von ihrem letzten Geburtstag. Endlich war der Baum fertig. Nach dem Abendessen wurde er dann ins Wohnzimmer getragen. „Seht“, sagte Hümeyra stolz zu ihren Eltern. „Das ist unser Neujahrsbaum. Unser nächstes Jahr soll unbesorgt vergehen, so wie der Schmetterling hier auf der Spitze und frei wie die Vögel drumherum und fröhlich und voller Liebe, so wie die farbigen Glasperlen. Die Walnüsse und Mandarinen sind dafür, dass unsere Ernte gut sein soll und die Kerzen dazwischen, damit unsere Tage immer sonnig vergehen. Der Baum grünt immerzu und ist frisch und gesund. Und so soll es uns auch gehen.

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